BENJAMIN TURECEK        

 

 

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Vom Globalisierungssymbol zum Opfer derselben – eine Weihnachtsgeschichte

 

Hinten an der Bar lehnte er, er hatte schon bessere Zeiten gesehen, aber die waren vorbei. „Noch ein Cola-Rum“ lallte er. Interessant, dass er nach allem noch immer Cola trank, na ja, eine gewisse Sentimentalität hatte er sich behalten. Bis vor kurzen war er noch der Star von Weihnachten gewesen, das Maskottchen von Coca Cola, der weltberühmte Weihnachtsmann, aber die Marktsituation hatte zu einer Wegrationalisierung geführt, man hatte billige Arbeitskräfte statt seiner angestellt, die den Weihnachtsmann billig ersetzten. Man benötigte den alternden teuer gewordenen Mann nicht mehr. Und er wusste es. Er lehnte an der Bar und seufzte. Was soll’s? Er hatte es ja seiner Zeit nicht besser gemacht, als er gemeinsam mit Coca Cola den Siegeszug angetreten hatte, er hatte das Christkind brutal verdrängt und war zum Star aufgestiegen. Er hatte den Ruhm von Cola begründet und Cola hatte mit ihm gearbeitet, solange es seiner benötigte. Aber das war vorbei und man ließ ihn fallen. Und nun war er von allen verlassen, die einen beachteten ihn nicht mehr, weil er niemand mehr war, die anderen hatten ihn vorher schon nicht wollen, war er doch das Symbol der verhassten „Amerikanisierung“. Und nun stand er hier und trank, in der Hoffnung seine Probleme zu vergessen. Aber je mehr er trank, desto mehr fokussierten sich seine Gedanken auf dieses Thema. Er wäre hier wohl entgültig abgestürzt, wenn nicht in dem Moment drei Leute hereingekommen wären, es waren ein junger, unbekannter Kabarettist, eine junge, unbekannte Popsängerin und eine junge, unbekannte Malerin. Sie wollten hier ihr Weihnachtsbier trinken, oder seien wir präzise, sie wollten hier eines ihrer Weihnachtsbiere trinken, sie hatten vorher bereits drei Lokale besucht und in jedem bereits zwei Biere getrunken. Jedenfalls ließen sie sich nieder. Von ihrem Gespräch konnte man vernehmen, dass sie versuchten ein gemeinsames Kunstprojekt auf die Beine zu stellen. Es handelte sich dabei um einen intellektuellen Zugang zum Thema linkskritischer Zugang zum Thema Weihnachten, wobei der Kabarettist über ein satirisches Werk nachdachte, dass er auf die Bühne bringen wollte, dazu sollte die junge Sängerin, die man bei Starmania nicht genommen hatte, wohl weil sie zu anspruchsvolle Texte hatte, eine musikalische Untermalung vornehmen und die Malerin hatte die Aufgabe ein möglichst kritisches Bild als Hintergrundsgestaltung herzustellen. Dem geübten Leser fällt auf, dass obwohl es sich hier um einen politisch-aufgeklärten linken Künstlerkreis handelte der junge Kabarettist, also der Mann, das große Wort führte. Man merkt daran, dass gewisse Strukturen nicht so leicht zu brechen sind. Eine Binsenweisheit, welcher sich auch ein anderer Gast in dieser Bar bewusst war, nämlich eine Politikwissenschaftsstudentin, die ihre Beziehung eben abgebrochen hatte, weil ihr Freund, ein sich selbst als links bezeichnender Jurist, seine Abende fern von zu Hause verbrachte, während sie sich um den Haushalt zu kümmern hatte. Jetzt saß sie da beim 5. Tequila und dachte düster über die politischen Veränderungen nach, die nötig wären, um die Männer zu denkenden und fühlenden Wesen zu erziehen.

Doch zurück zu unserem Bohemienkreis. „Weihnachten muss zugleich von seiner satirischen, sowie von seiner brutalen Seite gezeigt werden.“ Meinte der Herr Kabarettist. „Man müsste das Fest der Liebe von einer Seite zeigen, wie es ausgeliefert ist den wahnsinnigen Gesetzen des internationalen Marktes“ – „Ja, aber es sollte doch lustig sein, du musst schließlich deine Fähigkeiten da einbringen“ meinte nun die Malerin. – „Na, was denkst du? Die Leute sollen lachen, wie noch nie, das garantier ich euch und dann kommen deine Lieder.“ Das letzte war an die Popsängerin gerichtet, die allerdings schon ziemlich eingeölt war und daher nur mehr dümmlich vor sich hinkicherte. Der Kabarettist betrachtete sie kurz, dann sprach er weiter: „Was wir jetzt brauchen ist eine Handlung, die....“ – „....Die lustig und zugleich tragisch ist, na dann nehmt’s doch mein Leben, das ist absurd und gleichzeitig berührend, lustig und trotzdem.... Dings“ lallte nun der inzwischen, um es französisch auszudrücken, „noire“ - gewordene Weihnachtsmann. – „Und wer bist du?“ – „Ich bin der Weihnachtsmann“ – „Na, aber das geht doch nicht“ – „Wieso?“ – „Weil wir ein linker Künstlerkreis sind und du bist das Symbol der internationalen Globalisierung.“ Nun mischte sich wieder die Malerin ein: „Aber das ist doch perfekt, das ist doch gerade ironisch-kritisch, wenn eine linke Künstlerinnengruppe das Leben des Weihnachtsmanns bearbeitet.“ – „Außerdem bin ich jetzt Globusilierungs... äh... Globaldingsbums.... also Kritiker.“ Lallte der Weihnachtsmann. – „Wieso dieses?“ – „Na weil, die ham mich.... aber eiskalt.... ham die mich.... also ich bin... wegrationalisiert geworden... Hicks!“ – „Unglaublich, das Symbol der Globalisierung als Opfer derselben.“ Die Malerin schüttelte den Kopf, aber dem Kabarettisten gefiel die Idee mit dem Weihnachtsmann immer besser. „Das ist doch genial, ein Programm über den gescheiterten Weihnachtsmann mit dem Titel „Der Weihnachtsmann – vom Globalisierungssymbol zum Globalisierungsgegner.“ – „Und ich darf singen“ kickste die Popsängerin dazwischen. – „Natürlich, deswegen bist ja dabei.“ – „Weil ich hab nämlich ein Lied über den Weihnachtsmann, das ist mir gerade eingefallen.“ – „Schön wir....“ – „Und ich singe das jetzt!“ – „Aber...“ – „Jetzt sing ich’s“. Damit erhob sie sich, wankte ein wenig und begann ein Lied über den Weihnachtsmann und seine Probleme zu singen, das angesichts ihrer Lage nicht mehr ganz astrein war und von Gekicher sängerinnenseits unterbrochen wurde. Nicht desto trotz gefiel es dem Weihnachtsmann, der beim Refrain (einer Bearbeitung von Jingle Bells) mitsummte. Nur der Politikwissenschafterin, welche ein eher zartes Gehör hatte und deren Laune verständlicherweise nicht am Höhepunkt war, murmelte: „Grauenhaft, aus euch wird nie was“ und verließ fluchtartig das Lokal.

„Ich glaube, das ist der Start eines neuen Erfolgs“ meinte die Malerin zufrieden, obwohl auch sie bei dem Gequieke ihrer Freundin das Gesicht verzogen hatte.

Dann verließen sie das Lokal.

So hat halt jeder seine Art Weihnachten zu verbringen. Der Weihnachtsmann mit Cola Rum, andere mit Bier oder mit Tequila. Und es soll sogar Leute geben, die zu Weihnachten nix trinken. Tja, wie es euch gefällt. Schönes Fest!