|
|
Navigation |
Vom
Globalisierungssymbol zum Opfer derselben – eine Weihnachtsgeschichte Hinten
an der Bar lehnte er, er hatte schon bessere Zeiten gesehen, aber die waren
vorbei. „Noch ein Cola-Rum“ lallte er. Interessant, dass er nach allem noch
immer Cola trank, na ja, eine gewisse Sentimentalität hatte er sich behalten.
Bis vor kurzen war er noch der Star von Weihnachten gewesen, das Maskottchen von
Coca Cola, der weltberühmte Weihnachtsmann, aber die Marktsituation hatte zu
einer Wegrationalisierung geführt, man hatte billige Arbeitskräfte statt
seiner angestellt, die den Weihnachtsmann billig ersetzten. Man benötigte den
alternden teuer gewordenen Mann nicht mehr. Und er wusste es. Er lehnte an der
Bar und seufzte. Was soll’s? Er hatte es ja seiner Zeit nicht besser gemacht,
als er gemeinsam mit Coca Cola den Siegeszug angetreten hatte, er hatte das
Christkind brutal verdrängt und war zum Star aufgestiegen. Er hatte den Ruhm
von Cola begründet und Cola hatte mit ihm gearbeitet, solange es seiner benötigte.
Aber das war vorbei und man ließ ihn fallen. Und nun war er von allen
verlassen, die einen beachteten ihn nicht mehr, weil er niemand mehr war, die
anderen hatten ihn vorher schon nicht wollen, war er doch das Symbol der
verhassten „Amerikanisierung“. Und nun stand er hier und trank, in der
Hoffnung seine Probleme zu vergessen. Aber je mehr er trank, desto mehr
fokussierten sich seine Gedanken auf dieses Thema. Er wäre hier wohl entgültig
abgestürzt, wenn nicht in dem Moment drei Leute hereingekommen wären, es waren
ein junger, unbekannter Kabarettist, eine junge, unbekannte Popsängerin und
eine junge, unbekannte Malerin. Sie wollten hier ihr Weihnachtsbier trinken,
oder seien wir präzise, sie wollten hier eines ihrer Weihnachtsbiere trinken,
sie hatten vorher bereits drei Lokale besucht und in jedem bereits zwei Biere
getrunken. Jedenfalls ließen sie sich nieder. Von ihrem Gespräch konnte man
vernehmen, dass sie versuchten ein gemeinsames Kunstprojekt auf die Beine zu
stellen. Es handelte sich dabei um einen intellektuellen Zugang zum Thema
linkskritischer Zugang zum Thema Weihnachten, wobei der Kabarettist über ein
satirisches Werk nachdachte, dass er auf die Bühne bringen wollte, dazu sollte
die junge Sängerin, die man bei Starmania nicht genommen hatte, wohl weil sie
zu anspruchsvolle Texte hatte, eine musikalische Untermalung vornehmen und die
Malerin hatte die Aufgabe ein möglichst kritisches Bild als
Hintergrundsgestaltung herzustellen. Dem geübten Leser fällt auf, dass obwohl
es sich hier um einen politisch-aufgeklärten linken Künstlerkreis handelte der
junge Kabarettist, also der Mann, das große Wort führte. Man merkt daran, dass
gewisse Strukturen nicht so leicht zu brechen sind. Eine Binsenweisheit, welcher
sich auch ein anderer Gast in dieser Bar bewusst war, nämlich eine
Politikwissenschaftsstudentin, die ihre Beziehung eben abgebrochen hatte, weil
ihr Freund, ein sich selbst als links bezeichnender Jurist, seine Abende fern
von zu Hause verbrachte, während sie sich um den Haushalt zu kümmern hatte.
Jetzt saß sie da beim 5. Tequila und dachte düster über die politischen Veränderungen
nach, die nötig wären, um die Männer zu denkenden und fühlenden Wesen zu
erziehen. Doch
zurück zu unserem Bohemienkreis. „Weihnachten muss zugleich von seiner
satirischen, sowie von seiner brutalen Seite gezeigt werden.“ Meinte der Herr
Kabarettist. „Man müsste das Fest der Liebe von einer Seite zeigen, wie es
ausgeliefert ist den wahnsinnigen Gesetzen des internationalen Marktes“ –
„Ja, aber es sollte doch lustig sein, du musst schließlich deine Fähigkeiten
da einbringen“ meinte nun die Malerin. – „Na, was denkst du? Die Leute
sollen lachen, wie noch nie, das garantier ich euch und dann kommen deine
Lieder.“ Das letzte war an die Popsängerin gerichtet, die allerdings schon
ziemlich eingeölt war und daher nur mehr dümmlich vor sich hinkicherte. Der
Kabarettist betrachtete sie kurz, dann sprach er weiter: „Was wir jetzt
brauchen ist eine Handlung, die....“ – „....Die lustig und zugleich
tragisch ist, na dann nehmt’s doch mein Leben, das ist absurd und gleichzeitig
berührend, lustig und trotzdem.... Dings“ lallte nun der inzwischen, um es
französisch auszudrücken, „noire“ - gewordene Weihnachtsmann. – „Und
wer bist du?“ – „Ich bin der Weihnachtsmann“ – „Na, aber das geht
doch nicht“ – „Wieso?“ – „Weil wir ein linker Künstlerkreis sind
und du bist das Symbol der internationalen Globalisierung.“ Nun mischte sich
wieder die Malerin ein: „Aber das ist doch perfekt, das ist doch gerade
ironisch-kritisch, wenn eine linke Künstlerinnengruppe das Leben des
Weihnachtsmanns bearbeitet.“ – „Außerdem bin ich jetzt Globusilierungs...
äh... Globaldingsbums.... also Kritiker.“ Lallte der Weihnachtsmann. –
„Wieso dieses?“ – „Na weil, die ham mich.... aber eiskalt.... ham die
mich.... also ich bin... wegrationalisiert geworden... Hicks!“ –
„Unglaublich, das Symbol der Globalisierung als Opfer derselben.“ Die
Malerin schüttelte den Kopf, aber dem Kabarettisten gefiel die Idee mit dem
Weihnachtsmann immer besser. „Das ist doch genial, ein Programm über den
gescheiterten Weihnachtsmann mit dem Titel „Der Weihnachtsmann – vom
Globalisierungssymbol zum Globalisierungsgegner.“ – „Und ich darf
singen“ kickste die Popsängerin dazwischen. – „Natürlich, deswegen bist
ja dabei.“ – „Weil ich hab nämlich ein Lied über den Weihnachtsmann, das
ist mir gerade eingefallen.“ – „Schön wir....“ – „Und ich singe das
jetzt!“ – „Aber...“ – „Jetzt sing ich’s“. Damit erhob sie sich,
wankte ein wenig und begann ein Lied über den Weihnachtsmann und seine Probleme
zu singen, das angesichts ihrer Lage nicht mehr ganz astrein war und von
Gekicher sängerinnenseits unterbrochen wurde. Nicht desto trotz gefiel es dem
Weihnachtsmann, der beim Refrain (einer Bearbeitung von Jingle Bells) mitsummte.
Nur der Politikwissenschafterin, welche ein eher zartes Gehör hatte und deren
Laune verständlicherweise nicht am Höhepunkt war, murmelte: „Grauenhaft, aus
euch wird nie was“ und verließ fluchtartig das Lokal. „Ich
glaube, das ist der Start eines neuen Erfolgs“ meinte die Malerin zufrieden,
obwohl auch sie bei dem Gequieke ihrer Freundin das Gesicht verzogen hatte. Dann
verließen sie das Lokal. So
hat halt jeder seine Art Weihnachten zu verbringen. Der Weihnachtsmann mit Cola
Rum, andere mit Bier oder mit Tequila. Und es soll sogar Leute geben, die zu
Weihnachten nix trinken. Tja, wie es euch gefällt. Schönes Fest! |