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METAMORPHOSE (von
Ben Turecek) Das
Christkind flog wie jedes Jahr über die Stadt um die Geschenke zu bringen. Als
es seine Runde beinahe beendet hatte, steuerte es sein letztes Ziel, das
Schauspielstudio am Schwedenplatz, an. Dort sollte es noch eine Ladung Geschenke
abgeben. Als
es die Räumlichkeiten betrat, war nur mehr in einem Raum Unterricht. Dieser war
jedoch sofort zu vernehmen, denn der lehrende Herr hatte ein starkes, gut gestütztes
Organ, welches durch das gesamte Studio hallte. Es handelte sich hierbei um
einen Schauspieler aus Volks- und Staatsoper, so wie anderen berühmten
Etablissements, welcher sich der Herausbildung der Stimme verschrieben hatte. Schüchtern
betrat das Christkind den Saal. „Ja bitte!“ sagte der Schauspieler mit
durchdringendem Ton. „Ist das hier die Schauspielschule Ott?“ fragte das Christkind.
– „Nein das ist keine Schauspielschule, das ist ein Studio der Erfahrungen.
Schauspielen kann man nämlich nicht lernen, sondern nur erfahren. Also bitte
mein Kind, fangen wir gleich mit dem Atmen an.“ – „Ja,
aber ich bin doch das Christkind.“ – „Des is ja wurscht. Ich
entscheide!“ sagte der Schauspieler in einem Tone, der keinen Widerspruch
duldete. „Du hast nicht gedient, das merk ich gleich an dem störrischen
Tonfall!“ – „Aber ich bin doch
nicht störrisch“ widersetzte das Christkind. „Na dann bitte fangen wir
an. Atme!“ Das Christkind schnappte nach Luft. „In den Bauch atmen. Des da
oben bleibt ruhig. Greif mir mal an den Bauch!“ Das Christkind griff dem
Schauspieler an den Bauch und dieser hob und senkte sich wie bei einem
Naturschauspiel. „Nun sprich mir nach: Aber, Oder, Und, Ich, Eben!“ Zaghaft
wiederholte das Christkind, das Vorgesprochene: „Aber.
Oder. Und. Ich. Eben!“ – „Tiefer!“ Also setzte das Christkind noch
mal an, diesmal schon etwas tiefer: „Aber.
Oder. Und. Ich. Eben!“ – „Net schlecht. Noch tiefer!“ – „Aber.
Oder. Und. Ich. Eben!“ – „Ned schlecht. Wie ein Engerl am Christbaum.
Du warst bisher sehr in der Kopfstimme unterwegs, mein Kind, aber das krieg ma
schon hin. So. Der Onkel geht jetzt seine Weihnachtstschik rauchen und wir sehen
uns nächstes Mal wieder.“ Und
so kam es, dass das Christkind seine Sprechstunden nahm, bis seine Stimme so
tief geworden war, dass es locker als Weihnachtsmann durchgehen konnte. Und das
ist der Grund, warum in Wien so viele Weihnachtsmänner auf die Fassaden
klettern. Denn das Christkind lernte zu seiner piepsenden Kopfresonanz, die
Brustresonanz kennen und mutierte damit zum Weihnachtsmann. |