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Der
neue 3. Mann Bevor
sie sich die Ereignisse in dieser Geschichte zu Gemüte führen, habe ich
folgende Bitte an sie, nehmen sie eine CD oder MP3, auf der das Harry-Lime-Motiv
von Anton Karas drauf ist, legen sie die CD oder MP3 ein, springen sie auf den
Track wo dieses Motiv zu hören ist, stellen sie auf Endlosschleife und lassen
sie es während des Lesens laufen, sie werden sehen, wie es ihr Lesevergnügen
steigert. Sollten sie die CD nicht haben, kaufen sie, sie oder bitten sie einen
Verwandten die Melodie im Hintergrund zu summen, zu pfeifen oder zu singen. Gut,
nun zur Hauptfigur Karol aus dessen Perspektive die seltsamen Erlebnisse
geschildert werden. Er ist ein junger gutaussehender Mann, der aus Polen stammt,
jedoch lange Zeit in Wien gelebt hat. Er hat eine Kariere vom einfachen
Bawagangestellten zum Filmstar durchgemacht. Als Filmstar war er nach Wien zurückgekommen
um einen alten Freund zu besuchen und über dieses Erlebnis schreibt er nun. „Es
war im Mai letzten Jahres als ich wieder mal nach Wien wollte um meinen alten
Freund Ben Tur wieder zu sehen und als ich in Wien ankam musste ich feststellen,
dass ich die weite Reise nur angetreten hatte, um rechtzeitig bei seinem Begräbnis
zu sein. Er war bereits tot, als ich ankam, von einem Auto überfahren. – Na
ja, er war ja schon davor zwei mal von einem Auto angefahren worden, weil er nie
schaute, beim über die Straßen gehen, offensichtlich hatte es ihn diesmal ärger
erwischt, ich dachte mir momentan nichts dabei. Aber leid tat mir um ihn, er war
ein guter Freund und ein guter Kabarettist. Wir hatten ja gemeinsam begonnen als
Kabarettisten, er war dann Kabarettist geworden, ich wurde Filmschauspieler und
so verloren wir uns. Er hatte eine Zeit lang in Österreich gespielt und war
auch durchaus beliebt, aber in letzter Zeit war es still um ihn geworden, er zog
sich zurück und war nur mehr sehr selten in der Öffentlichkeit zu sehen. Nun
war er tot, mein alter Freund. Ich stand am Zentralfriedhof vor seinem Grab und
glaubte es nicht. Neben mir standen nur wenige Leute, zwei Männer, auf die ich
zunächst wenig achtete und eine Frau, aber eine wunderschöne Frau. Seine
Freundin wie ich erfahren habe. Ich war ein wenig erstaunt, Ben war früher
extrem schüchtern gewesen, ich hatte ihm nicht zugetraut, dass er dann tatsächlich
so eine schöne Freundin haben würde. Aber es sollte nicht das letzte Mal, dass
er mich erstaunte, wenn dies auch noch die angenehmste Überraschung war die er
mir bereitete. Am
selben Tag bat mich ein Mann um ein paar Worte, ich dachte ursprünglich es
handle sich um einen Fan, der ein Autogramm von mir wollte, aber tatsächlich
sagte er mir er sei von der „Humorpolizei“ und erzählte mir, mein Freund
sei in schmutzige Humorgeschäfte verwickelt gewesen. „Er hat mit Witzen
gehandelt.“ So meinte der Polizist. – „Bitte?“ – „Er hat Witze
verkauft an schlechtere Kabarettisten, an Clowndoktoren von den Roten Nasen und
damit ein Vermögen gemacht.“ – „Ist das strafbar?“ – „Die Witze
waren teilweise extrem schlecht.“ Ich verlor langsam die Geduld, niemand
sollte meinen besten Freund schlecht machen. „Das ist ein Blödsinn!“ rief
ich. „Mein Freund hat nur gute Witze gemacht, ok.? Und selbst wenn er
schlechte Witze gemacht hätte, das ist nicht strafbar und wenn jemand Geld dafür
zahlt, ist das wohl sein Problem oder nicht? Ich glaube sie sind auf meinen
Freund nur deshalb nicht gut zu sprechen, weil er ein Linker war und sie ein
Polizist sind.“ – „Hören sie, ich bin Humorpolizist und mir ist links und
rechts relativ wurscht, im Gegenteil Linke Kabarettisten machen meist gute Witze
und handeln nicht damit, sondern führen sie anderen Leuten zur Unterhaltung
vor. Und selbst schlechte Witze stören mich nicht. Aber die Wirkungen, die
schlechte Witze hatten mit denen er sein Geld verdient hat, die stören mich!“
– „Hören sie zu, ich glaube ihnen kein Wort. Vielleicht hat er einmal einen
schlechten Witz gemacht und jemand anderen diesen verkauft. Aber was ist das
schon? Kümmern sie sich doch mal um TV-Total-Verbrechen.“ – „Ich würde
sagen, TV-Total war Teil seines Geschäftes.“ Damit entließ er mich. Ich
war trotzdem überzeugt man wollte ihn verleumden und wollte daher die Wahrheit
herausfinden, daher suchte ich Kontakt zu seinen Freunden. Es konnte sich dabei
nur um die zwei Herren handeln, die an seinem Grab gestanden hatten. Einen von
ihnen fand ich relativ geschwind. Erwin Kurz hieß er, ein wenig
bekannter Kabarettist, der Ben kennen gelernt hatte, als sich Ben gerade vom
Kabarettgeschäft zurückzog und Kurz gerade begann sich in diesem Metier zu
versuchen, er war damit auch nie besonders erfolgreich gewesen,
verglichen mit Ben in seiner Glanzzeit. Noch an dem Tag als ich ihn
ausfindig gemacht hatte, setzte ich mich mit ihm ins Cafe Schwarzenberg, um mit
ihm über Ben zu sprechen. Der behauptete nun sein bester Freund neben mir
gewesen zu sein. „Er war immer fröhlich und hatte immer Tipps, wie man Witze
richtig bringt. Er war ein humorvoller Kerl, konnte selbst gut spielen und hatte
auch immer hilfreiche Tipps auf Lager. Aber was erzähl ich, sie kannten ihn ja
wohl besser als ich.“ – „Stimmt es, dass er mit Witzen gehandelt hat?“
fragte ich. – „Bitte?“ – „Das hat man mir auf der Polizei erzählt,
genauer gesagt auf der Humorpolizei.“ –
„Ach die. Na ja, die reden viel Unsinn. Es mag sein, dass er ein paar
Witze verkauft hat, aber das tut ja niemandem was.“ – „Nein.“ Sagte ich.
„Das tut niemandem was. Erzählen sie mir von dem Unfall.“ – „Wir kamen
aus dem Haus im 13. Bezirk, wo er gewohnt hat, als am anderen Ende der Straße
sein Freund Robert Pop auftauchte, er lief hinüber, aber da kam ein Auto und
erwischte ihn, er schlug auf der Straße auf und war schwer verletzt. Bis der
Arzt kam, sein alter Arzt Dr. Winklbauer war er schon tot, aber noch im sterben
bat er mich, sich um sie und Hanna zu kümmern.“ – „Wer ist Hanna?“ –
„Sie war auf dem Friedhof.“ – „Seine Freundin?“ – „Ja.“ Als das
Gespräch beendet war, verschaffte mir das keineswegs Befriedigung. Irgendwie
misstraute ich Herrn Kurz und so suchte ich zunächst Bens Wohnung in der
Hietzinger Hauptstraße15 auf. Dort sprach ich mit Herrn Stengel dem Hausmeister
des Hauses, der mir folgendes erzählte: „Passns auf. I hob des gsehn, wiar a
ausm Haus gongan is mim Kurz und auf do ondan Seitn is da Dings gstondn, da ....
na jetzt hots me.“ Er war nicht mehr ganz frisch der gute. „Na der Pop und
er rennt rüber, es prackt erm übers Auto und der wor sofurt tot.“ –
„Sofort? Ich dachte er sprach noch.“ – „Na der hot nix mehr gsogt und de
drei hom eam dann aufn Gehsteig trogn.“ – „Welche drei?“ – „Na der
Kurz, der Pop und no ana.“ – „Der Chauffeur?“ – „Na der wor erst späta
dabei.“ – „Der Doktor?“ – „Na der is donn erscht kumman.“ –
„Wer war dann der 3. Mann?“ – „Des was i do net, heast, weans net
frech.“ – „Haben sie das mit dem 3. Mann der Polizei erzählt?“ –
„Na, i hob net gfunden, dass des so wichtig is.“ – „Das ist wichtig.
Melden sie es bei der Polizei.“ – „San se deppert, i wü mit de Kiberer
nix z tuan hom, i bin a ehrlicher, fleißiger, tüchtiger anständiger kleiner
Mann und hob nix tan. Nur weil i amoi freindlich zu am Tschuschn bin, krieg i
Zorres mit de Kiberer.“ Das war das Gespräch, mehr bekam ich aus ihm nicht
heraus. Nun beschloss ich, Hanna aufzusuchen, um die Freundin meines Freundes
kennen zu lernen. Sie spielte gerade eines ihrer Kabarettprogramme. (Es wundert
sie vielleicht, dass die Meisten im Umkreis von Ben Kabarettisten waren, aber
das hatte mit seinen Geschäften zu tun.) Hanna spielte gut und brachte mich
tatsächlich zum Lachen, obwohl ich wegen des Todes meines Freundes nicht gerade
in der Stimmung für Kabarett war und obwohl ich die Witze von irgendwoher
kannte. Nach der Pause fiel mir dann auf, woher ich die Witze kannte. Es waren
die, welche ich früher so oft von Ben gehört hatte. Offensichtlich hatte er
sie beeinflusst. Nach der Aufführung ging ich zu ihr. „Ich bin ein Freund von
Ben.“ Sagte ich und sie war sofort bereit mit mir zu reden, ich lud sie ins
Schwarzenberg ein, wo wir zusammen saßen und miteinander sprachen. Sie erzählte
mir von Ben und dass sie schon seit 3 Jahren zusammen waren, das führte mir
auch vor Augen, wie lange ich Ben nicht mehr gesehen hatte. Dann stellte ich die
Frage: „Sag mir eines, kannst du dir vorstellen, dass Ben illegal mit Witzen
gehandelt hat?“ – „Nein!“ sagte sie. „Er hat mir ein paar Mal mit
meinen Programmen geholfen. Er hat auch seinen Freunden oft mit Witzen geholfen
für ihre Programme, vor allem als er sich entschieden hat, sich selbst zurück
zu ziehen als Kabarettist.“ – „Warum hat er das getan?“ – „Er wollte
nicht mehr auftreten, aber er wollte anderen helfen, ihre Auftritte
vorzubereiten. Das hat er getan und...“ Sie zögerte kurz. „Er hat mir ein
paar Nummern geschrieben, da mir manchmal nichts einfiel. Aber er hat nichts
getan, was man mit Humor nicht dürfen hätte.“ Als sie das sagte, standen ihr
bereits die Tränen in den Augen. Sie war so schön und dass sie weinte machte
mich wütend, wütend auf den Humorpolizisten, der meinen Freund und ihren
Geliebten so verleumdete. Und so meinte ich entschlossen: „Ich werde beweisen,
dass er unschuldig ist. Wenn ich hier fertig bin, dann werden die diese
Humorpolizei auflösen können.“ Einen
Tag später rief mich Herr Kurz am Handy an und arrangierte ein Treffen, zunächst
mit Dr. Winklbauer, dann mit Herrn Pop. Dr. Winklbauer war ein freundlicher,
aber distanzierter Mann, gefragt, ob Ben noch gelebt hatte, wie es Kurz
behauptet hatte oder sofort gestorben war, wie es der Hausmeister behauptet
hatte, meinte er: „Dazu kann ich nichts sagen.“ Gefragt, ob am Tatort zwei
oder drei gestanden hätten, meinte er: „Daran kann ich mich nicht
erinnern.“ Am Abend saß ich mit Pop, einem mittelmäßigen Musiker, der
allerdings perfekte Manieren hatte, beim Abendessen im Zentimeter im 7. Bezirk.
Ich fragte ihn, ob er etwas von illegalen Humorgeschäften Bens wisse. „Das
ist vollkommen unmöglich. Ben hätte das nie getan.“ – „Erzählen sie mir
vom Tod meines Freundes.“ – „Es war grauenhaft. Ich kam auf der einen
Seite, als auf der Seite gerade Ben mit Kurz heraus kam. Ben sah mich, rief:
„Ich muss dir noch den Witz erzählen, den ich gehört habe.“ Rannte auf die
Straße, wurde angefahren und stürzte auf die Straße und war schwer verletzt.
Er starb unmittelbar danach.“ – „Wer war noch dort?“ – „Nur Herr
Kurz.“ – „Der Hausmeister meinte, da wären drei gewesen.“ – „Er
meinte garantiert den Chauffeur. Übrigens ein Freund Bens.“ – „Nein der
stieg erst später aus.“ In dem Moment verfinsterte sich der Ausdruck in Pops
Gesicht. Dann meinte er: „Nun, er wird sich geirrt haben.“ Doch ich war nun
sicher, dass irgendwas nicht stimmte. Schließlich kam es mir in den Sinn, Ben könnte
ermordet worden sein. Also machte ich mich ein weiteres Mal auf zu dem Haus, wo
Ben gewohnt hatte, nur um dort einen großen Haufen Leute zu finden. „Was ist
passiert?“ fragte ich einen Herumstehenden, welcher antwortete: „Der
Hausmasta do is okragelt wurn.“ Damit hatten sie den einzigen Zeugen beseitigt
und meinen Verdacht erhöht. Widerwillig ging ich wieder zu dem Humorpolizisten
und meldete meinen Verdacht, dass Ben ermordet worden sein könnte, worauf der
Polizist meinte: „Erstens bin ich für Humorverbrechen zuständig und nicht für
Mord, zweitens, selbst wenn ihr Freund Ben ermordet wurde, ist mir das nur
recht. Hauptsache dieser Verbrecher ist tot.“ – „Sagen sie mir endlich,
was er getan haben soll und geben sie mir Beweise, dass er es getan hat oder ich
werde sie verklagen, wegen übler Nachrede! Sie werden nicht länger meinen
besten Freund verleumden!“ - „Wie
sie wünschen, aber sie werden nicht mögen, was sie sehen.“ Und dann erzählte
er von einem Mitglied der Roten Nasen, namens Joseph Haper, der vor kurzem
verschwunden war und welcher Kindern um sie wieder gesunden zu lassen mit Witzen
amüsierte, da ihm keine mehr eingefallen waren, hatte er, um seinen Job nicht
zu verlieren Witze gekauft von einer skrupellosen Bande, die billig schlechte
Witze kaufte und sie teuer verkaufte. Die Wirkung der Witze war verheerend,
viele Kinder begannen Depressionen zu kriegen und begingen Selbstmord, wobei sie
sich zum Teil vorher selbst grausam verstümmelten, andere wurden Insassen der
Irrenanstalt. Und die Dokumente bewiesen einwandfrei, dass der Anführer dieser Witzschmuggelbande
mein Freund Ben Tur war. Das war ein schwerer Schock für mich, ich wankte in
die Nacht hinaus, ging in die nächste Bar und soff mich nieder. Nach dem 10.
Tequila beschloss ich, Hanna noch mal zu besuchen, also wankte ich wieder
hinaus, auf der Straße musste ich dreimal stehen bleiben, um den Inhalt meines
Magens nach außen zu kehren und kam schließlich bei ihrem Haus im 9. Bezirk in
der Lichtensteinstraße und läutete an, ihre schöne Stimme rief: „Wer ist
da?“ – „Ich bin es, Karol, der alte Freund von Ben.“ Sie lies mich rein.
Sie sah heute noch besser aus, als beim letzten Mal. „Was willst du?“ –
„Ich...sie... es....“ der Alkohol hatte mich schon etwas erwischt. „Die
hatten recht.... Ben war echt ein Verbrecher, der hat mit seinen schlechten
Witzen kleine Kinder auf dem Gewissen.“ – „Hör auf!“ rief sie. „ich
glaube dir nicht. Ben hätte das nie getan.“ – „Ich habe die Beweise
gesehen.“ – „Dann hat er es eben getan, aber zu mir war immer gut und für
dich war er doch auch ein guter Freund. Erinnern wir uns so an ihn und nicht an
das was er vielleicht getan hat.“ – „Du liebst ihn immer noch, nicht
wahr?“ – „Ich liebe ihn nicht mehr, aber ich erinnere mich an den Mann,
den ich liebte.“ – „Aber ich.... ich liebe dich.“ Ich wusste es erst in
dem Moment, dass es stimmte. Sie lachte: „Du kennst mich doch nicht.“ –
„Ich weiß es einfach. Ich liebe dich!“ Dann stürzte ich hinaus in die
Nacht. In dem Moment hörte ich eine Zithermelodie[1]
und als ich in eines der Tore blickte sah ich einen Mann stehen, der mich
beobachtete. Wütend rief ich: „Was wollen sie? Beobachten sie mich? Kommen
sie raus da!“ Ich war offensichtlich zu laut, denn über mir ging ein Licht an
und jemand blickte beim Fenster raus, mit den Worten: „Des is wieder typisch,
die Ausländer mochn an Krach in der Nocht!“ Aber das wichtige war, dass das
Licht auf die Gestalt fiel und ich erkannte – Bens Gesicht. Er hatte kurze
Haare (früher hatte er lange Haare mit Locken gehabt) und sah etwas älter aus,
aber er war es. Im Gesicht hatte er das Grinsen, das ich von früher kannte und
das ich an ihm so mochte. „Ben!“ rief ich, in dem Moment kam ein Lastwagen
vorbei und als er weg war, war Ben verschwunden. Ich sah ihn allerdings
stadteinwärts laufen und rannte ihm nach. Als ich am Widerhoferplatz ankam war
er verschwunden, spurlos, auch die Musik hatte aufgehört. Ich glaubte zunächst,
ich hätte ein Gespenst gesehen oder doch zuviel Tequila getrunken, aber
irgendwas sagte mir, dass mein Erlebnis real war. Ben lebte. Als
ich am nächsten Tag bei der Polizei Meldung machte, glaubte auch der Polizist
zunächst, ich sei betrunken gewesen, dennoch machte er im 9. Bezirk
Untersuchungen und fand einen Kanaldeckel, welcher nicht ganz zugemacht war. Nun
wurde in Folge das Grab von Ben Tur untersucht und man fand heraus, dass die
Leiche nicht Bens sondern Joseph Hapers Leiche war. Darauf wurde Dr. Winklbauer
verhaftet, der ja ausgesagt hatte, bei der Leiche handle es sich um Ben. Ich
begab mich in den 2. Bezirk, wo Erwin Kurz wohnte. Als ich bei seinem Haus in
der Ausstellungsstraße, in der Nähe vom Wiener Prater, stand Kurz am Balkon.
„Ah, guten Tag! Kommen sie doch rauf!“ rief er freundlich. – „Nein,
danke!“ sagte ich. „Schicken sie mir Ben!“ – „Sind sie verrückt?“
– „Ja, ich sehe tote Menschen und ich will, dass mich der tote Mensch beim
Riesenrad trifft.“ Stundenlang
wartete ich beim Riesenrad, als es Abend wurde, glaubte ich bereits nicht mehr,
dass Ben auftauchen würde, da kam ein alter Mann mit einer Zither und begann
wieder die Melodie zu spielen, die ich schon am Vortag gehört hatte. Und dann
kam Ben, mit dunklen Sonnenbrillen, gekleidet mit einem schwarzen Anzug.
„Hallo, Karol, schön dich zu sehen!“ sagte er mit einem Ausdruck, den ich
durchaus als freundlich bezeichnen würde, aber insgesamt lag eine Kälte in
seinem Gesicht und in seiner Stimme, die mir die Gänsehaut über die Rippen
jagte. „Hallo!“ sagte ich reserviert. Ben ging mit mir zum Riesenrad, wo der
Kassier gerade schließen wollte. Aber Ben grinste kurz, gab ihm Geld (ich weiß
nicht wie viel, aber es war ein ordentliches Sümmchen) und so erhielten wir
eine Gondel für uns alleine. „Ich
war bei deinem Begräbnis“ sagte ich nach einer Weile des Schweigens. –
„Das war ein netter Trick von mir, nicht wahr?“ – „Ja, Hanna hat ihn
nicht so lustig gefunden, sie hat geweint.“ – „Ja, sie ist ein nettes Mädel.
Manchmal hatte ich richtig Spaß mit ihr. Kümmer dich um sie.“ – „Was ist
mit dir?“ – „Ich bin tot.“ – „Hast du je gesehen, was deine Witze
anrichten, hast du je gesehen, wie die Leute darauf reagieren?“ – „Für
das hatte ich nie Zeit. Die Witze haben ihren materiellen Wert für mich gehabt,
mehr nicht.“ – „Ben, Leute sind aufgrund deiner Handlungen zu Grunde
gegangen. Du bist doch ein Mensch, du hast Verantwortung.“ Da grinste er in
einer Weise, die ich nie vergessen werde und die mich heute noch zum schauern
bringt. Dann blickte er beim Fenster der Gondel raus und sagte: „Siehst du die
Punkte da unten? Wenn ich dir nun sagte, dass du für jeden Punkt, den du
zwingst sich die Harald Schmidt – Show anzusehen, € 10 000- bekommst, würdest
du mir kalt ins Gesicht ablehnen? Oder würdest du kalkulieren, wie viele
Menschen du, ohne das Risiko einzugehen dir diesen Mist selbst anschauen zu müssen,
dazu zwingen könntest sich die Harald Schmidt – Show anzusehen?“ –
„Ben, du hast einmal an eine bessere Welt geglaubt.“ – „Siehst du, das
war mein Problem, ich habe an eine bessere Welt geglaubt. Aber dann bin ich
draufgekommen, dass der Marxismus nur eines gut hat, man kann sehr gut
analysieren, unter anderem, dass man am besten zu Geld kommt, in dem man andere
ausbeutet. Und der Humor ist dabei ein wichtiger Verbündeter.“ Dann grinste
er: „Hat mich gefreut, dich wieder zu sehen. Wenn du mich nochmal sehen willst
und in mein Geschäft einsteigen willst, lass es mich wissen.“ Damit stieg er
aus und verschwand. Auch der alte Zitherspieler, der offensichtlich die ganze
Zeit nichts anderes als diese seltsame Melodie gespielt hatte, ging nun. Am
Abend stand ich wieder bei der Humorpolizei und berichtete, was ich erlebt
hatte. „Sie können uns helfen ihn zu schnappen.“ – „Es tut mir leid.“
Sagte ich. „Ich weiß er verdient seine Verhaftung, aber er war mein Freund,
es tut mir leid.“ – „Schon gut.“ Sagte der Polizist. „Ich werde sie
zum Flughafen bringen, würde sie aber bitten mich vorher zu begleiten“ Und
dann brachte er mich ins Irrenhaus, wo er mir die Kinder zeigte, die den
Clowndoktoren ausgesetzt gewesen waren, welche Bens Witze verwendeten. Als ich
die Unglücklichen sah, konnte ich nicht anders, als zustimmen, der Humorpolizei
zu helfen, Ben zu schnappen. Die Polizei hatte mittlerweile sowohl Kurz, als
auch Pop verhaftet. Ich nahm Kontakt zu Ben auf und machte mir ein Treffen im
Cafe Schwarzenberg aus. Gegen 22
Uhr tauchte Ben, bei der 71er Station auf, entdeckte aber viel zu Früh die
Polizei und rannte los, Richtung Karlsplatz. Warum die Humorpolizei nicht in
ihre Einsatzfahrzeuge stieg, weiß ich bis heute nicht, vielleicht lag es an dem
alten Zitherspieler der schon wieder die komische Melodie spielte. Jedenfalls
rannten wir hinter Ben her. Der schaffte es zum Kanaleingang beim Karlsplatz und
rannte in die Kanalisation, wir folgten ihm. Unten roch es sehr übel. Stellen
sie sich den Geruch von sämtlichen Klos in Wien vor, dann haben sie es. Wir
rannten herum, entdeckten aber nur eine Kanalführung mit japanischen Touristen,
denen gerade über einen Film aus den 50ern namens „The third man“ berichtet
wurde. Dann rannten wir weiter, plötzlich
hörten wir Bens Stimme: „Ihr kriegt mich nicht, gebt es auf!“ – „Gib du
auf Ben! Es hat doch keinen Sinn.“ Sagte ich, da hörte man Bens Stimme mit höhnischem
Unterton: „Was macht ein Burgenländer mit einer Gabel am Meer? – Er sticht
in See!“ – „Nein!“ schrie einer der Polizisten. „Ich bin Burgenländer!
Und meine Frau erzählt den Witz jeden Tag!“ Damit stürzte er sich
verzweifelt in die Kanalisation, was er allerdings überlebte, weshalb er sich
in den Kopf auch noch schoss. Nun wusste ich, ich muss den Wahnsinnigen stoppen,
ich nahm mir eine Pistole und folgte der Stimme Bens, der weiterhin schlechte
Witze erzählte und eine Selbstmordepidemie unter den depressiven Polizisten
auslöste. Schließlich stellte ich ihn. „Ben, hör auf! Stell dich!“
Er drehte sich um, grinste böse und sagte: „Kennst du den
Sekundenwitz?“ Das war mir zu viel, vier Mal drückte ich ab, er grinste noch
immer, dann sagte er: „Das war er.“ Brach zusammen und starb. Am
nächsten Tag standen Hanna und ich ein weiteres Mal bei Bens Begräbnis. Wir
blickten erst lange das Grab an, dann sagte sie zu mir: „Eigentlich fand ich
seine Witze immer schon doof.“ Damit wurden wir ein Paar und vergaßen den
alten Trottel. Wenn
sie bis jetzt Anton Karas Zithermelodie gehört haben und nicht wahnsinnig
geworden sind, dann sind sie bereits wahnsinnig. |