DER 11. SEPTEMBER

 

Ein komischer Tag ist das. Eigentlich ein ganz normaler Tag im Spätsommer/Frühherbst, je nach Wetter. Und bedeutungslos wie jeder andere,

wennda nicht zwei einschlägige Ereignisse damit verbunden wären. Eines davon wird in der Presse, im Radio, und auch sonst in der Regel

totgeschwiegen, vielleicht weil es so lange her ist, vielleicht weil es, wenn man an dieses Ereigniss denkt, nicht mehr so leicht geht, die Trennlinie:

Demokratie-Kapitalismus-USA-gut/Alles andere-Rot-Terror-Böse zu ziehen. Das andere Ereigniss ist jedem noch so politisch oder historisch

uninteressierten Menschen bekannt, weil man ständig damit konfrontiert wird, in Zeitungen, Radio, eben überall dort, wo ersteres nicht aufscheint.

Gleich vorneweg: Es ist nicht meine Absicht diese Ereignisse gegeneinander auszuspielen, Beide haben eine starke Tragweite, Beide waren für

die betreffenden Personen schwere Tragödien, Beide haben Folgen gehabt, die wir bis in die Gegenwart spühren.

 

Das eine war der 11.9. 1973: In Chile regierte eine Volksfrontregierung (Christdemokraten, Sozialisten, Kommunisten) unter Präsident Salvador

Allende, alles andere als ein Kommunist und das System war auch alles andere als ein sozialistisches System in irgeneiner Form, es war einfach

der Versuch dem chilenischen Volk, das Dasein zu erleichtern, es aus einer Existenz als bessere Kolonie, der kapitalistischen Großmächte mit

dem Resultat, dass für eben diese kapitalistischen Großmächte, der Profit dort nicht mehr ganz so herausschaute, wie zuvor. Und da waren dann

schnell ein paar Generale gefunden, deren Ehrgeiz angestachelt wurde, allen voran Augusto Ugarte Pinochet (vorletztes Jahr endlich abgekratzt,

betrauert nur von einer senilen Margareth Thatcher), welche die Macht an sich rissen. Am 11.9. 1973 putschten sie gegen die Regierung Allende,

stürzten sie, Allende wurde ermordet und die Generäle errichteten eine faschistische Diktatur, bei der tausende Chileninnen und Chilenen ermordet

wurden.

Was bleibt?: Im faschistischen Chile wurde die wunderbare Wirtschaftsform namens Neoliberalismus ausprobiert, die in westlichen

Industriestaaten mittlerweile Allgemeinstandard ist, nur dass man heute dafür keine Diktatur mehr braucht, weil wer soll sich schon dagegen

wehren.

 

Ereigniss Nr.2: Der 11.9. 2001: 2 Flugzeuge, die, wenn man nicht den Verschwörungstheorien glaubt, laut denen die Zionisten im Bund mit dem

CIA hinter allem stecken, von islamischen Terroristen entführt wurden, krachen in das World Trade Center und bringen dabei allen

Flugzeuginsassen, sowie mehreren tausend im WTC befindlichen Menschen den Tod. Ein aus dem Gleis geratener "Freiheitskampf" der

islamischen Welt gegen den US-Imperialismus findet seinen Höhepunkt, seltsamerweise nicht gegen führende Personen des US-Imperialismus,

sondern gegen Zivilbevölkerung. Die Antwort des "vernünftigen, hochentwickelten, aufgeklährten" Westen: Afghanistan- und Irakkrieg, Guantanamo,

etc.

Was bleibt? Bis heute nicht beendete Kriege und eine entsprechende Situation mit Terror und Not, im Irak und in Afghanistan. Steigende

Islamophobie im Westen und eine theoretisch-wertvolle Debatte in der Linken, ob islamischer Terror in Wirklichkeit eigentlich marxistischer

Freiheitskampf ist (was so zusammenpasst wie Senf zu Mousse au chocolat) oder ob die USA die letzte Bastion der Demokratie gegen die

Barbarei des Islams ist. (Grundsätzlich würde ich zwar die USA, dem Iran vorziehen, schon zum dort leben, aber derartig unkritische

US-Bewunderung halte ich für genauso sinnvoll, wie dem Radikalislam emanzipatorische Tendenzen zu unterstellen).

 

Nachdem ich mich nun garantiert wieder überall unbeliebt gemacht habe, kommt hier noch einmal mein Mitgefühl mit den Opfern beider Ereignisse

und die Hoffnung, dass wir uns ein 3. 11.Septembererlebniss sparen.