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DIE WEIHNACHTSGESCHICHTE AUS EINEM ANDEREN BLICKWINKEL
(von Ben Turecek)

Einer der Grundgedanken des Weihnachtsfestes ist ja, dass man die Geburt von Jesus Christus feiert, dem Messiahs, dem

Erlöser, dem Oberhaupt der Christenheit, etc. Nun kennen wir alle ja den Ablauf dieser Geschichte, Josef und Maria machen

sich zum Steuer zahlen auf den Weg in ihre Geburtsstadt Betlehem, kriegen dort keine Herberge, müssen im Stall übernachten

und Maria bekommt dort ein Kind. Danach kommen Hirten und Könige und beten es an und ein großes Wunder ist vollbracht. 2

Protagonisten dieser Geschichte werden zwar meistens erwähnt, bekommen aber nie den Platz der ihnen von ihrer historischen

Bedeutung her zusteht: Es sind dies der Ochs und der Esel.


Nun sollt ihr die Geschichte mal von ihrer Seite hören:


An einem äußerst kalten Wintertag in Betlehem saß ein einsamer Ochs in seinem Stall, kaute ein wenig am Heu herum und

dachte bei sich: „Gott sei Dank muss ich heut nicht mehr raus. Da herin ist es warm, Heu hab ich genug und sonst hab ich auch

meine Ruh.“ Und als er sich, ob dieser Erkenntnis äußerst zufrieden, gerade niederlegen wollte, um ein bisschen zu dösen, flog

die Tür auf, Licht flutete herein und ein eisiger Kältezug kam von draussen durch den Stall geweht. Der Ochs, der gerade am

Einschlafen war, blickte, leicht genervt, zur Tür und sah einen Esel herein marschieren, der sich seinen Blicken nach zu

schließen, furchtbar wichtig vorkam. Auf dem Esel saß ein Mensch und vor dem Esel ging ein weiterer Mensch. Der Ochs hatte

im Biologieunterricht nie gut aufgepasst, aber seine Grundkenntnisse waren noch soweit vorhanden, dass er glaubte, erkennen

zu können, dass der Mensch auf dem Esel weiblichen und der Mensch vor dem Esel, männlichen Geschlechts war. Bevor er

jedoch dazu kam, die Menschen näher zu betrachten, quaselte der Esel bereits drauf los: „Na Gott sei Dank trifft man hier

einmal ein Hornvieh auch, jemanden mit dem man reden kann, ich meine mit den Menschen ist das so mühsam, die verstehen

von meinen Worten immer genau zwei Buchstaben: I und a. Ist ja keine Konversation möglich so.“ – „Sei doch froh.“ Sagte der

Ochs, dem das Gespräch jetzt schon etwas nervte, er hätte schließlich gern ein wenig geschlafen. „Wenn die Menschen bei mir

mehr verstehen würden, als M und U, dann müsste ich vermutlich nicht nur für sie arbeiten, sondern auch noch mit ihnen

reden. Na das brauch ich unbedingt.“ – „Ja, aber so ist es doch ein wenig langweilig. Ich meine wenn sie schon auf mir

herumsitzt die ganze Zeit.“ Er meinte damit offensichtlich das Weibchen, welches mittlerweile abgestiegen war und mit ihrem

Mann neben der Futterkrippe Platz nahm. „Wenn sie schon die ganze Zeit auf mir herumsitzt, könnte sie wenigstens mit mir

reden. Ich meine sie ist immerhin mordsmäßig schwer.“ – „Warum?“ fragte der Ochs. „Die Menschenweibchen wiegen doch

nix?“ – „Ja, glaubst du? Aber die… die ist schwanger.“ – „Was?“ – „Ja, so heißt das, wenn Menschen trächtig sind.“ – „Oh.“

sagte der Ochs, schlimmes ahnend. „Und wie lange…?“ – „Pfuh, na lass mich rechnen… Wann war das, wo der… also…. Na das

müsste ja jeden Moment soweit sein.“ – „Woher weißt du das eigentlich?“ – „Ich war bei der Empfängnis dabei.“ Sagte der Esel

mit einem Anflug von stolz. Der Ochs, sehr prüde erzogen, räusperte sich: „Bitte, du hast zugeschaut, wie…“ – „Nein.“ Sagte

der Esel. „Das war ja nicht so, wie sonst. Ich werde es dir erzählen: Einmal war das Weibchen allein zu Hause, als plötzlich ein

großer leuchtender Vogel gekommen ist und ihr erklärt hat, dass sie jetzt schwanger ist und ein Kind gebären wird, dass die

Menschheit erlösen wird.“ – „Na wunderbar und wann wird ein Kind geboren, dass uns Tiere erlöst?“ seufzte der Ochs, etwas in

Gedanken. – „Darüber hat der leuchtende Vogel nichts gesagt.“ – „Sag, was war das für ein leuchtender Vogel?“ – „Keine

Ahnung.“ Gestand der Esel, was ihm nicht leicht viel, denn er wusste sonst immer alles, oder tat zumindest zu. „Ich habe so

einen Vogel noch nie gesehen. Ich glaube allerdings mich erinnern zu können, dass das Menschenweibchen, den Vogel: Engel

nannte, oder so.“ – „Nie gehört“ meinte der Ochse. „Na dann, es hat mich gefreut. Ich geh dann mal schlafen.“ Doch kaum

hatte sich der Ochse niedergesetzt, da zerriss ein gellender Schrei die Nacht, der Ochs fuhr mit einer Geschwindigkeit in die

Höhe, die für ein Rindvieh gigantisch war. „Was ist denn?“ – „Ach mach dir mal keine Sorgen.“ Sagte der Esel. „Das Weibchen

bekommt nur grad ihr Kind.“ – „Da im Stall?“ – „Ja, warum nicht?“ – „Ich hab immer glaubt, Menschen gehen woanders hin,

zum Kinder kriegen.“ – „Ja die nicht.“ Meinte der Esel. „Denn das Kind ist offensichtlich was besonderes.“ – „Woran erkennst du

das?“ – „Ja erstens daran, dass es ein leuchtender Vogel gebracht hat und zweitens daran, dass es in einem Stall geboren wird,

womit es sich deutlich über menschliches Niveau begeben hat.“ Inzwischen war das Kindelein geboren. Ochs und Esel

betrachteten es. „Ist es nicht süß?“ fragte der Esel ganz verliebt. „Entzückend“ brummte der Ochs. „Kann ich jetzt schlafen?“

Aber dazu sollte der arme Ochs noch längere Zeit nicht kommen, Weil das Menschenkind fror, wurde es in die Krippe gelegt,

dann hatte es Hunger und musste von der Mutter mit Milch versorgt werden und als es endlich schlief, kamen ein Haufen

Menschen herein, warfen sich vor dem Menschenkind auf dem Boden und ließen allerlei Geschenke da, darunter ein völlig

verschrecktes Lämmchen, das nicht recht wusste, wie ihm geschah und um das sich nun auch noch der Ochs und der Esel

kümmern mussten. Am Schluss erschien noch ein Heer von leuchtenden Vögeln, wie sie der Esel beschrieben hatte, die

musizierten und jubelten. Auch in den nächsten Tagen bekam der Ochs kaum eine Ruhe. Zwei Wochen später erschienen

wieder drei Menschen und brachten glitzerndes Zeug mit, sowie Dinge, die einen seltsamen Geruch verbreiteten. Und dann

packten die Menschen plötzlich ihre Sachen und begannen sich rasch auf ihren Abzug vorzubereiten. „Was ist jetzt los?“ fragte

der Ochs. – „Frag nicht komm mit!“ – „Aber wieso?“ – „Weil irgendwelche Menschen dieses Menschenkind umbringen wollen

und wenn du dableibst, dann machen sie vielleicht aus dir ein Weihnachtssteak.“ Das leuchtete dem Ochsen ein und er schloß

sich den Flüchtenden an. So kamen er, der Esel, das Lamm und die Menschen nach Ägypten. Dort trennten sich ihre Wege. Das

Lamm und der Esel gingen mit den Menschen, der Esel blieb bei der Mutter, das Lamm gehörte auch später dem Menschenkind

und inspirierte es, zum Gleichnis mit dem verlorenen Schaf und der Ochs blieb in Ägypten, schrieb dort seine Memoiren auf

und echaufierte sich darüber, dass obwohl der Ochs bei Christi Geburt eine derart wichtige Rolle gespielt hat, heute zu

Weihnachten trotzdem in manchen Ländern, Steak gegessen wird.