Es war ein heißer, stickiger Spätsommerabend, Peter Fuchs saß übermüdet an seinem Schreibtisch in der Redaktion der „Zeitung“.
Der Wahlkampf hatte ihn einfach schon lang bedient, an seinem Tisch standen 3 volle Aschenbecher, voll mit den Stummeln seiner ausgerauchten
Gaulloises und der Mistkübel unter ihm war voll mit von ihm gelehrten Red Bulls. 10 mal an diesem Tag hatte er sich einen Espresso aus dem
Kaffeeautomaten geholt, er hatte sich aller Hilfsmittel bedient, die einen Journalisten wach halten. Was ihn heute so an seiner Arbeit gefesselt hielt, war
ein interessantes Detail am gegenwärtigen Wahlkampf und zwar das sich hartnäckig haltende Gerücht, es würde neben den bekannten Parlaments-
und Nichtparlamentsparteien, noch eine Kraft geben, die so genannte 8. Partei. Er hatte mehrere Gerüchte gehört, dass diese Partei tatsächlich
existierte, obwohl man sie seit über 20 Jahren eigentlich für tot hielt und dass sie nicht nur existierte, sondern sogar zu Wahlen antrat und.... aber hier
verstiegen sich die Gerüchte sehr weit, dass sie teilweise sogar Erfolge aufweisen konnte.... Zugegeben in der Steiermark, dort war ja so einiges
möglich... aber immerhin. Beim Durchforsten der Internetquellen stolperte er meist über dasselbe, eine Sozialdemokratie, die ihre Identität verloren
hatte, eine Konservative Kraft, die hoffte beizeiten eine Identität zu finden, Grüne, die nie eine besessen hatten, 2 Rechte, die ihre Identität aus dem
gegenseitigen Bekriegen zogen, eine Liberale und einen Populisten, 7 Parteien und dann ein Hinweis: Auch kandidieren wird..... Da war sie wieder,
nun klemmte er sich dahinter, ging den Links nach und begann zu forschen, hackte sich in geschützte Seiten rein und begann immer mehr über diese
ominöse 8. Kraft zu finden, bis er einen Kontaktmann traf. Diesen bestürmte er in mehreren E-Mails ihm doch ein Treffen zu gewähren, denn er wollte
unbedingt mehr herausfinden, über die 8. Partei und schließlich erhielt er den etwas sonderbaren Hinweis: „Treffen sie die 8. Kraft, wo der 3. Mann
auftaucht, wenn die Sonne am höchsten ist.“ Dazu musste er sich mühsamst' eine Nacht den 3. Mann anschauen, bis er erkannte worauf sein Informant
hinauswollte, am nächsten Tag stand er, leicht übernachtig, punkt 12 vor dem Riesenrad und blickte dorthin, wo vermutlich das Ringelspiel gestanden
hatte, bei welchem Harry Lime im 3. Mann auftaucht, heute steht ja an der Stelle irgend ein Zuckerwattestand oder was in der Art. Und richtig nach
einiger Zeit tauchte ein Mann, von großer Statur, mittleren Alters mit schwarzen Haaren und einem recht durchschnittlichen Gesicht auf und marschierte
auf ihn zu. Was Peter Fuchs so erstaunte dafür, dass er jetzt einen von der 8. Partei vor sich hatte, sah der so normal aus, durchschnittlich, nichts was
man auf der Straße nicht jeden Tag besichtigen könnte. Ein beunruhigender Gedanke, praktisch Jeder konnte ein potentielles Mitglied dieser 8. Partei
sein und keiner konnte es überprüfen, dennoch freute sich Peter Fuchs, das würde ein Artikel in der „Zeitung“ werden. Der Herr begrüßte ihn freundlich:
„Sie sind der Journalist von der Zeitung?“ – „Woher wissen sie das?“ Fuchs hatte sich nämlich sicherheitshalber als Paul Hase ausgegeben und
gemeint, er sei Politikwissenschaftsstudent. „Woher ich das weiß, alle Journalisten von der Zeitung geben sich als Studenten aus.... Sie sind wohl der
Herr Fuchs, Respekt viel von ihnen gehört und vor allem gelesen. Es ist mir eine große Freude, dass nun die Zeitung ihr Interesse an der KPÖ entdeckt
hat.“ – „Der KPÖ? Euch gibt’s no?“ Der Kontaktmann lächelte: „Ja, das hören wir ständig. Aber ja, es gibt uns noch, wir sind die 8. Partei. Kommen sie
mit, sehen sie selbst, was von uns noch übrig ist.“
Peter Fuchs wurde zu einem klapprigen alten Skoda gebracht, in diesen hineingezwängt
und los ging’s, nach zermürbender Fahrt, war man irgendwo
am Land gelandet, erst später fand Fuchs heraus, dass er sich eigentlich im 14. Wiener Gemeindebezirk befand, aber da draußen schaut ja alles nach
Land aus. Er wurde in ein altes verfallenes Haus geführt, wo sich drinnen der Parteivorstand der KPÖ befand. „Sie müssen sich vorstellen“ sagte nun
der Kontaktmann wieder. „Die KPÖ ist eine der ältesten Parteien, die es in Österreich gibt, wir feiern dieses Jahr unseren 90. Geburtstag.“ Ein alter
Mann ging vorbei, grüßte äußerst herzlich und ging dann weiter. Fuchs konnte sich das Bonmot nicht verkneifen: „90 ist offenbar nicht nur das Alter der
Partei, sondern auch das Durchschnittsalter der Parteimitglieder.“ Der Kontaktmann lächelte: „Tun sie uns da nicht unrecht. Wir kriegen neue, junge
Mitglieder der Altersschnitt sinkt, wir sind momentan bei einem Durchschnitt von 79 Jahren.“ – „Wow ganze 11 Jahre.“ – „Der Genosse der da übrigens
vorbeigekommen ist, das ist einer unserer Helden, der war im Widerstand gegen den Dollfuß und gegen den Hitler tätig. 3 Jahre in Gestapohaft, 3
Jahre im KZ. Darauf können wir schon stolz sein.“ Damit hatte die Führung durch die Vergangenheit der KP begonnen. „Das dort“ der Kontaktmann
zeigte auf einen alten Sessel, „das ist der Stuhl mit dem die Genossen in den 20er Jahren die Sesselschlacht am 3. Parteitag eröffnet haben. Wir
behalten ihn immer in Ehren, weil er uns daran erinnert, dass die KPÖ immer eine streitbare Partei war.... zumindest untereinander. Denn dieser Stuhl
wurde auch am 20. Parteitag eingesetzt, im Zuge der Streitigkeiten um den Prager Frühling. Ernst Fischer gebrauchte damals auch das Wort vom
Sesselkommunismus. Aber das hat sich halt nicht so durchgesetzt wie das mit dem Panzerkommunismus.“ – „Und dann wurde der Sessel nicht mehr
benützt.“ – „Beinahe, und zwar am 32. Parteitag, da hätte man ihn fast noch einmal geworfen, aber es kam dann doch nicht dazu....“ – „Warum?“ – „Na
ja, die Partei hat kurz davor ihr gesamtes Geld im Novumprozess an die Bundesrepublik verloren, und das wäre teuer gekommen, denn der Sessel hätt
das wahrscheinlich nicht überlebt und einen neuen hätt ma uns nicht leisten können.“ Weitere Stücke wurden hergezeigt, der Stempel mit dem die
KPÖ-Leitung Texte von Mitgliedern, erlaubte oder zensierte, die Feder, mit der Johann Koplenig, die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet hatte,
diverse Wahlplakate auf denen gefordert wurde, man möge Franz Muhri ins Parlament wählen – das von einer Zeit wo die KPÖ noch viertstärkste Kraft
war -, eine Fahne, die den Österreichern von den Sowjets geschenkt worden war, diverse Bilder, Statuen, Büsten von Karl Marx, Friedrich Engels,
Lenin, Rosa Luxemburg, Stalin... „He, was macht denn der da? Von dem haben wir uns doch längst getrennt.“ Sagte der Kontaktmann, nahm das
Stalinbild und warf es in den Mistkübel. „Wir nehmen nämlich die Aufarbeitung unserer Vergangenheit ernst.“ Diverse Werke mit dem Namen „Stalin
und wir“, „Stalins langer Schatten“, und dergleichen wurden Fuchs vorgelegt, in denen die KPÖ versuchte ihre Fehler aufzuarbeiten. Versteckt in einem
Winkerl lagen Bilder von Ernst Fischer, darauf lagen Akten: „Zu rehabilitieren.“ „Da sind wir dabei.“ versicherte der Kontaktmann. Schließlich tauchte
noch ein abstraktes Ding auf, dessen Bedeutung Fuchs sich nicht ganz erklären konnte. „Was ist das?“ – „Das, ach das ist das Hättma-warma.“ –
„Was???!!!“ - „Ja das wird in der KPÖ ungefähr seit 2000 verehrt, weil es immer wieder bei Wahlen auftaucht.“ – „Wie macht’s das?“ – „Na ja. Es
stehen alle herum, betrachten das Wahlergebnis und plötzlich, aus heiterem Himmel sagt einer: „Hätt ma jetzt noch 22 Stimmen, dann war ma im
Gemeinderat.“ Nach einer tiefen Verbeugung, kamen sie an einer Glasvitrine vorbei, in der nichts zu sehen war. „Was ist das?“ – „Ja, da kommt der
neue Pluralismus hinein, wenn wir herausgefunden haben, wie der aussieht.“ Damit war die Führung beendet und Fuchs meinte: „Ja, aber für was steht
die KPÖ jetzt noch? Wofür tritt sie ein? Was tut sie?“ Da blickte der Kontaktmann sehr entschlossen drein und sagte: „Solange noch der Kapitalismus
die Menschen knechtet, so lange wird es immer eine KPÖ geben, die den Menschen beisteht, es mögen nicht viele Menschen sein, die das kapieren,
es mögen wenige sein, also fast gar niemand, aber so wird das sein, daher wird die KPÖ auch bei den nächsten Wahlen mit Gieskannen, Scheren,
Transparenten und entschlossen blickenden Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten in die Schlacht ziehen, bis sie in diesem Land, etwas ändern
kann.“ – „Ja, das kann ja noch dauern.“ Schloss Fuchs das Treffen, verabschiedete sich, nicht ohne vorher noch mit dem Kontaktmann ein Gläschen
Wodka getrunken zu haben und ging. Kurz darauf erschien in der „Zeitung“ ein kurzer Artikel über die KPÖ, der bei vielen aufrechten (die Betonung
liegt auf Rechten) Bürgern Angst und Schrecken auslöste, die „Zeitung“ sei nun auch schon vom Bolschewismus infiltriert, da das aber im Wahlkampf
der einzige Artikel blieb, legte
sich auch die Angst bald wieder.