ZUR BUNDESPRÄSIDENTENWAHL

(von Ben Turecek)

Man fühlt sich wie die Hauptfigur eines Kafkaromans. (Der Dichter möge mir verzeihen, dass ich die Reinheit seiner Sprache nicht so gestochen beherrsche, wie er):


Als T. eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, sah er sich einem grauenerregenden Ungetier namens Bundespräsidentenwahl gegenüber. Er empfand die grauenhafte

Situation gar nicht anders zu können, als sich diesem Untier zu stellen, ja eine klare Stimme abzugeben, da er wusste, dass alles andere ein Schuss nach hinten gewesen wäre.

Hilflos musste er mitansehen, wie die Kreatur ihre Mitspieler präsentierte, die ihm mit höhnischen Fratzen auszulachen schienen.


Es war kein Traum. Das Land war ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenland, mit dem üblichen Heimatmief der ihm entgegen wehte. Auf der Straße, die nämlichen

griesgrämigen Gesichter, die hinter allem den Ausländer oder die EU witterten, die Religion, die nämliche, gespalten zwischen dem Wort Hansens und dem Wort Wolfgangs, die

man je nach Gesinnung als die unumstößlichen Spender der Wahrheit anerkannte, dazwischen die Gutmenschen, die stets über die Lage seufzten, ohne den geringsten vernünftigen

Gegenvorschlag. Ts Blick richtete sich dann zum Fenster, und die trübe Aussicht - man sah draußen die 3 Kandidaten auf Plakaten hämisch herein grinsen - machte ihn ganz

melancholisch. Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße", dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der

linkenSeite zu schlafen, musste aber erkennen, dass diese Seite im gegenwärtigen Zustand des politischen Systems vollkommen zerbröselt war.


Also beschloss er sich, der unentrinnbaren Lage war er sich nur zu bewusst, sich mit den 3 grinsenden Gesichtern näher zu befassen, was einen stechenden, noch nie gefühlten

Schmerz auslöste. Da war die Gestalt des greisen Amtsinhabers, die Kreatur des Bundespräsidenten, ohne Rückgrat und Ideen. Und diese sanfte Stimme! Man dachte ständig an

dassofortige Einschlafen, was T. ja auch der gegenwärtigen Situation vorgezogen hätte, wenn er dafür nicht auf die linke Seite gemusst, die auf Grund der derzeitigen Auswahl an

Kandidaten einfach nicht mehr vorhanden war. Aber es war dieser Aalglatte Kandidat, der ohne nachzudenken unter jedes Dokument seine Unterschrift setzte, der schöne Worte

fand, denen keine Taten folgten und der stets die Fähigkeit besaß mit vielen schönen Worten, eine zielsichere Nichtmeinung zu produzieren, die jedem in der Umgebung, das Gefühl

geben musste, dass in jedem Fall alles in Ordnung wäre, ob mit Grund, ob nicht, dem T. wohl seine Stimme geben müsste, obwohl ihm bei dem Gedanken wieder ein Schauer

durchfuhr, denn was gab es für Alternativen?


Das Wesen, dass sich als Mutter zu präsentieren versuchte, dass aber dennoch nur Hetze und Galle spie und den Müll von Gestern über die Menschen zu verbreiten versuchte

konnte es nicht sein, dem man die Stimme geben müsste. Schon allein wegen dem Wesen, das sie mit sich führte, ein zum Menschen gewordenes Untier, das im gestrigen Mist,

den sie wiederverwerten wollte geboren und aufgewachsen war und das sich in diesem suhlte und dass an ihrer Seite stehen würde, wenn sie an der Spitze stand. Da half es auch

nichts, dass sie, auf Druck des geschriebenen Wortes seiner Heiligkeit Hans, den Müll offiziell zum dem erklärte, was er war: Müll nämlich. T. mochte ihr das nicht glauben. Zu lange

hatte sie sich in dem Müll zu gut gefühlt.


Und dann war da noch der dritte. Ein sanftes Geschöpf, voller Absurditäten, die früher mal etwas wert waren und jetzt wieder ihren Eingang finden sollten. So sanft war er, dass er

nach allen Seiten seine christliche Liebe schickte, auf das diese alles zerdrücken würde, was nicht in das heilige Bild passte, also alles außer die uralte christliche Familie.


Oder sollte er gar nicht wählen? Die Kreatur, Kreatur sein lassen und die drei Grinser zu ein und demselben Übel machen, sie dort stehen lassen auf den Plakaten, ohne sich weiter

um sie zu scheren.


Das ging noch weniger, denn er wusste, wie sehr ihn dieser Gedanke auch quälte, letzt endlich war es der sanfte Greis - diese sanfte Stimme! - der als geringstes Übel zu

qualifizieren war, er wusste, was er der Demokratie schuldete, auch wenn ihm diese Schuld Brechreiz hervorlockte.


Erst im späten Nachmittage erwachte T. aus seinem bitteren Grübeln, nun musste es geschehen, nun entkam er ihm nicht mehr. Gerade vor dem Schließen erreichte er das

Wahllokal, hämisch beäugt, von den grinsenden Fratzen auf den Plakatwänden. Sonderbar betrachtet auch vom Personal im Lokal, die eigentlich schließen wollten, als T. fast zu spät

hereinkam, einer Pflicht nachzugehen, die ihm doch so viel Übel einbrachte, dass er fast nicht konnte. Als er in der Zelle stand, tat ihm die Hand weh, als er das Kreuz zeichnete.

Unwillkürlich heulte er auf, ob der Zustände dieses Landes, als er den Zettel in die Urne warf. "Wie ein Hund" dachte er über sich selbst, ehe er ohnmächtig zusammenbrach.